Eine Insel mit Destillen oder die große Überfahrt: wir tasten bei horizontalem Regen am Ende der Welt. Folge 2: Von Campbeltown nach Port Ellen – wir setzen über!

Lies auch Teil 1 dieser Reise...

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Peat Bogs! Unser eigenes Stück vom Inselreich! Einspurige Straßen mit rasenden Lastwagen! Das alles, nur keine Pubs, das erwartete uns auf der Isle of Islay. Ach ja, ein paar Brennereien haben wir auch besucht. Und ein paar drams probiert. Einige wenige, versteht sich…folgen Sie uns wieder auf unserer gefahrvollen Mission am Rande der Galaxis, wenn es heißt: jetzt fahren wir übers Meer!

Unser Landlord sollte Recht behalten: am Morgen hat sich der Sturm gelegt, wir brechen also frohgemut auf in Richtung Kennacraig, von wo die Fähren in Richtung innere Hebriden – neben der einen Steinwurf entfernten Isle of Gigha eben auch zu unserem Ziel Islay ablegen. Kennacraig (ein hamlet, zu Deutsch Weiler) liegt taktisch günstig auf der Westküste der Mull of Kintyre südlich des West Loch Tarbert, wodurch man eine ganze Weile ruhig und entspannt vor sich hin schippert, bevor es dann hinaus aufs (relativ) offene Meer geht. Mittel der Wahl ist die Fähre von Caledonian MacBrayne, kurz Calmac, die mehrmals am Tag Islay ansteuert und nach knapp zwei Stunden Fahrzeit entweder in Port Askaig im Norden der Insel oder Port Ellen im Süden festmacht (Fahrplan gibt es hier, Reservierung vor allem für Automitnahme sehr zu empfehlen: https://www.calmac.co.uk/destinations/islay). Dass die Wetterkapriolen noch nicht ganz ausgestanden sind, merken wir allerdings schnell: das von uns gebuchte Ziel Port Ellen fällt heute aus, stattdessen fahren wir witterungsbedingt auf etwas geschützterer Route nach Port Askaig, das wir nach einer schönen, ruhigen Fahrt durch den Sound of Jura, also die hiesige Ausführung des Entenhausener Gumpensund, pünktlich erreichen. Schon vom Schiff aus fällt uns die durchaus hügelige, auch mit Wäldern versehene Gestalt Islays auf, die als südlichste der inneren Hebriden immerhin das fruchtbarste Ambiente der Inselgruppe bietet – und die Tatsache, dass auf der benachbarten, deutlich kargeren Isle of Jura wohl eher kein Platzmangel herrschen dürfte. Kein Wunder: ist Islay mit seinen gut 3.200 Bewohnern, die sich auf den 620 Quadratkilometern tummeln und in erster Linie auf die Städtchen Port Askaig, Port Ellen, Port Charlotte und die Metropole Bowmore (800 Seelen!) verteilen, schon nicht unbedingt überbevölkert, dürften sich auf Jura mit seinen sage und schreibe 160 Einwohnern die Nachbarschafts-Streitereien doch eher im Rahmen halten. Dies werden wir allerdings später erkunden, jetzt heißt es zunächst, die Insel einmal von oben nach unten zu durchmessen, da wir unseren Standort ja eben nicht im Norden, sondern in Port Ellen gebucht haben. Nach gut zwei Stunden kommen wir dort an, nachdem wir neben durchaus brauchbaren Straßenabschnitten auch die single track roads kennengelernt haben, einspurige Landsträßchen, auf denen man den allfälligen Gegenverkehr in passing places vorbeilässt. Das klappt famos, auch wenn die locals die etwas beengten Platzverhältnisse nicht allzu eng sehen und gerne in furiosem Tempo daherkommen. Auf dem Weg passieren wir neben dem possierlichen Islay Airport auch die Laphroaig Peat Bogs, also die Torf-Felder, aus denen sich die gleichnamige Brennerei mit Feuermaterial versorgt. Man kann auf Islay nicht weit kommen, ohne Hinweise auf die Schlüsselindustrie zu finden: mit acht aktiven Brennereien kann die Insel immerhin mit Fug und Recht den Rang einer eigenen Region beanspruchen. Port Ellen selbst können wir als durchaus handliche Hafenansiedlung verbuchen - die einstmals stolze Port Ellen-Brennerei liegt seit Jahrzehnten still und wurde weitgehend abgerissen, aber die Port Ellen Maltings laufen unter der Diageo-Flagge weiter und versorgen noch heute nahezu alle Destillerien der Insel mit Malz. Das soziale Leben in Port Ellen konzentriert sich auf ein schmuckes Hotel sowie zwei kleine Supermärkte – wer ausschweifendes Nachtleben sucht, der ist hier falsch, aber dem Islay Hotel (http://theislayhotel.com) mit seiner gut sortierten Bar statten wir gerne den einen oder anderen Besuch ab.

Als erste Station steuern wir am nächsten Tag Kilchoman (http://kilchomandistillery.com) an, wobei sich gleich zeigt, dass man auf Islay die Logistik gut überlegt haben will. Wenn man schlicht per Mietwagen unterwegs ist, wird dem unglückseligen Fahrer in den Brennereien üblicherweise ein tasting pack ausgehändigt, quasi eine Art Tasting zu Mitnehmen, was zwar besser als nichts, aber natürlich nicht die Ideallösung ist. Variante 2 ist die Fahrt per Taxi, die sich erwartungsgemäß wie schon im letzten Jahr in der Speyside als nicht ganz unproblematisch herausstellt, da es auf der Insel ja nicht gerade von Fuhrunternehmen wimmelt. In den Brennereien händigt man gerne den Zettel mit den „Islay Taxis“ aus und rät stark dazu, idealerweise schon am Vortag zu reservieren. Die Nobel-Ausführung davon sind die Minibusse, die man sich entweder für einen ganzen Tag oder den gesamten Aufenthalt inklusive Fahrer bucht – für entsprechend fürstliches Entgelt karrt man so ganze Horden von Besuchern auch in die entlegensten Winkel. Oder man fährt schlicht und ergreifend mit dem Bus, der zwar nicht allzu häufig, aber dennoch immer wieder am Tag die Städtchen verbindet. Unseren Weg zur relativ jungen, erst 2005 gegründeten Kilchoman-Brennerei nehmen wir heute mit dem gestern bei Hughie bestellten Taxi, das uns vor der nicht gerade zentral gelegenen „farm distillery“ absetzt, die in der Tat mit Hund, Katz, Rind und Federvieh sofort einen Charme wie „wir machen Whisky auf dem Bauernhof“ versprüht. Schick-modern das Visitor Centre, komplett mit hochwertigem Café – aber ein ausgedehntes Tasting fällt heute für uns flach, alles ausgebucht, was nicht weiter tragisch ist: wir entscheiden uns spontan für die kleine Ausführung und genießen einen „flight“ von drei „Limited Expressions“ am Tisch in Fassform. Als erste Ausführung kommt dabei die 7th Edition der 100% Islay-Serie an die Reihe, die mit 50% Stärke eher am unteren Rauchende rangiert und mit süßen Noten aufwartet (Randnotiz: eigens für diese Variante zieht und mälzt man direkt auf dem Farmgelände sogar eigene Gerste, den optic barley, für die restlichen Kilchomans kommt das Material aus den Port Ellen Maltings). Kein Vergleich natürlich zu den Schätzen, die wir in den warehouses bislang erhaschen konnten – und auch die Vintage 2009-Ausgabe, die mit 46% ohne Altersangabe auskommt, aber mindestens 8 Jahre zählt, gefällt zwar als marriage aus Oloroso Sherry und Bourbon Fässern, haut uns aber nicht unbedingt aus den Socken. Durchaus zu überzeugen weiß dann der Loch Gorm, benannt nach einem See nördlich der Brennerei, der trotz Rauch sehr süß und angenehm wirkt. 7 Jahre Oloroso-Fässer hinterlassen eben ihre Spuren der attraktiven Art. Ein netter Auftakt, aber nicht mehr.


Das erwarten wir uns nun aber definitiv bei unserer zweiten Anlaufstelle: bei Bruichladdich (https://www.bruichladdich.com) machen seit geraumer Zeit die selbst ernannten „progressive Hebridean distillers“ von sich reden. Kurios in jedem Falle schon einmal die kleine Wiese: dort hat man nämlich nicht nur standesgemäß jede Menge Fässer aufgetürmt, auf denen der Brennerei-Name erscheint, sondern auch – ein kleines U-Boot drapiert. Wenn die Vermutung auch naheliegt, die Beatles hätten sich im Vorfeld ihres Halluzinogen-Trips in Spielfilmlänge nebst psychedelischem Song hier vor Ort buchstäblich „inspiriert“, werden wir das Geheimnis dieses yellow submarine noch zu ergründen haben. Zunächst gilt es allerdings, sich kurz zu stärken, was wir im kleinen, sympathisch chaotischen Tante Emma-Laden (ob die hier wirklich auch so heißt?) unweit der Brennerei gerne tun – wobei wir die weitschweifig-pseudokenntnisreichen Ausführungen des ebenfalls anwesenden nächsten teutonischen Humorlosigkeitskommandos geflissentlich ignorieren und später heilfroh sind, dass diese Gscheithaferl nicht mit uns ins warehouse wandern. Heute Nachmittag haben wir nämlich gebucht, und zwar zunächst eine Führung durch die Brennerei und anschließend ein zünftiges warehouse tasting, wie sich das gehört. Im modern eingerichteten, großzügigen Shop tummeln sich zahlreiche Schlachtenbummler, als die schmucke Ashley uns zur Tour abholt. Insgesamt scheint man auch hier das Konzept verstanden zu haben, dass eine ansprechende Gestalt auch des Präsentators den Verkaufserfolg des vorgestellten Produktes durchaus zu steigern vermag. Bei der Herstellungsweise gilt natürlich auch hier, dass man nur mit Wasser kocht bzw. brennt (wobei uns hier die im letzten Jahr gebetsmühlenartig vorgetragenen „three main ingredients“ zumindest nicht in immer gleicher Formulierung entgegentreten), weshalb wir uns gerne auf die Besonderheiten des Ortes konzentrieren. Bruichladdich – ausgesprochen bruchladdie, einfach zu merken, nicht umsonst nennt man eine Variante eben den „classic laddie“ – blickt wie viele Brennereien auf eine wechselhafte Geschichte zurück. 1994 wurden hier nämlich eigentlich die Tore geschlossen, bis dann im Dezember 2000 ein Käuferkonsortium um Mark Reynier eine Chance witterte. Für die selbst für schottische Verhältnisse überschaubare Summe von 7 Millionen Pfund stieg man ein und holtemit Jim McEwan von Bowmore einen erfahrenen Master Distiller an Bord. Die Räumlichkeiten wurden modernisiert, die teilweise historischen Gerätschaften allerdings beibehalten und somit ein authentisches Flair gewahrt. Ein wahrlich goldenes Händchen, geriet man doch geradewegs in die Zeit des Malt-Booms des beginnenden Jahrtausends – und konnte die Brennerei 2012 für sage und schreibe 58 Millionen Pfund an Rémy Cointreau weiterverkaufen. Beeindruckt von dieser Wertsteigerung (wer es genau wissen möchte: 758%) wandern wir durch die schönen Gebäude, die in der Tat viktorianischen Charme versprühen, aber akkurat in der corporate identity (helles Blau als Farbe sowie moderne, schlanker Schriftfont) gehalten sind. Ashley berichtet uns, man plane für die nahe Zukunft eigene maltings, um noch authentischer Handarbeit anbieten zu können. Ohne Computer-support stellen hier 95 Angestellte mit Maschinen, die teilweise bis 1881 zurückdatieren, das Destillat her, wobei eine open mash tun zum Einsatz kommt, von denen in ganz Schottland nur vier (eine davon sahen wir bei Springbank) anzutreffen sind. Neben den hohen Brennblasen erspähen wir noch eine kleinere Ausführung: die „Ugly Betty“, eine eigentlich ausrangierte still aus den 50er Jahren, die man hier – erneut findig – zur Herstellung des aktuellen in-Getränks Gin (schnell herzustellen, keine Lagerung erforderlich, ein hervorragendes Zubrot also) reaktiviert hat. Mit dem hier entstehenden „Botanist“ rangiert man schon auf Platz 4 der Verkaufsliste und nähert sich dem gesteckten Ziel (Rang 2) in großen Schritten. Wir wandern zurück in den Shop und schauen uns noch ein wenig um, aber alsbald entführt uns ein sympathischer junger Herr in die warehouses, wo die Versuchsanordnung schon für uns aufgebaut ist.

Frazer, so heißt unser Tasting Master für heute, erläutert, wir bekämen es gleich mit drei Varianten zu tun – nicht allzu viele, aber die seien eben auch „not for the faint-hearted“ – sind wir ja auch nicht, also bring it on, my friend. Als erstes probieren wir eine 47%-Ausgabe eines Laddie Bourbon 1989, die 27 Jahre auf dem Korken hat, wobei durchaus auch ältere Fässer mit dabei sein könnten – die Altersangabe ist immer AYS zu verstehen, gibt also das „age of youngest spirit“ an. Der Kollege kommt süß und mild daher und liefert einen wunderbaren Einstieg ins Geschehen. Frazer zeigt sich in Plauderlaune und berichtet, der illustre Herr Reynier habe von Whisky durchaus wenig Ahnung gehabt, dafür aber jede Menge vom Wein verstanden, weshalb man hier vor Ort auch die ersten Experimente mit Wein-finishes gemacht habe. Die erste Runde ging dabei vermeintlich in die Binsen, das Ergebnis war ein leuchtend rosa erscheinendes Getränk, das man nach dem ersten Schreck kurzerhand als „Flirtation“ vermarktete und damit doch tatsächlich einen Erfolg verbuchen konnte. Passend zu dieser Anekdote kommen wir zu Ausgabe 2, einem Port Charlotte Mouton Rothschild, dessen korrekte Aussprache Frazer erst von einem indignierten Franzosen erlernen musste („I said something like roth child, and I stood corrected, it is rodschiiild“). 2004 abgefüllt, ruhte diese Variante der rauchigen Port Charlotte-Linie (auf die ca. 40% der Produktion entfallen) 12 Jahre zunächst in ex-Bourbon-Casks, wurde dann in first fill Rodschiiiild-Fässern veredelt und bringt nun immerhin 57,5% ins Glas. Wir konstatieren einen süßen, durchaus weinlastigen Geschmack, der es in sich hat. Nicht fehlen darf natürlich die Königsdisziplin des Hauses, der Octomore, der als „most heavily peated whisky of the world“ mit jeder neuen Ausgabe Maßstäbe der Intensität setzt. Hier und heute haben wir eine 2005 abgefüllte Ausgabe mit 58,3% vor uns, an der Frazer einige Experimente darbietet, indem er die öligen Elemente durch Wasserzugabe deutlich sichtbar macht (wir erinnern uns finster, dass da im Chemie-Unterricht irgendwas mit lipophil und lipophob war – mit einem Laddie hätten wir uns besser gemerkt damals). In Bourbon-Reifung hält der Octopus, was er verspricht und kommt trotz der extrem intensiven Rauchigkeit mild und nicht aggressiv daher. Wir dürfen uns im Anschluss noch frei durchs warehouse bewegen und alles nach Laune fotografieren – das in der Speyside auch bei den Brennblasen noch penetrant vorgetragene Knips-Verbot scheint hier gegenstandslos. Zurück im Shop kredenzt man uns noch die drams of the day – jeweils unterschiedliche 10- und 12-jährige Port Charlotte-Varianten, die wir gerne noch probieren.

Direkt aus der Valinch nehmen wir dann gerne noch die Brennerei-Abfüllung 29, die traditionell einem Mitarbeiter – in unserem Falle dem IT-Menschen Roddy MacEachern – gewidmet ist, 11 Jahre im Fass verbracht hat und nach einem Finish im Syrah-Cask 65% auf die Waage bringt. Spätestens jetzt muss Frazer uns aber die Frage nach dem Yellow Submarine beantworten, das es sogar zu einer eigenen Laddie-Ausgabe gebracht hat. Ein Fischer, so geht die Sage, machte im Hafenbecken vor der Brennerei eines schönen Tages einen ordentlichen Fang: ein Mini-U-Boot, das offenkundig von der Royal Navy stammte. Als guter Landsmann meldete der Herr seinen Fund, die offiziellen Stellen wollten aber nichts davon wissen, ein top secret high tech Gerät verloren zu haben, weshalb es statt Finderlohn nur ein striktes Gesprächsverbot gab. Was in der Form umgesetzt wurde, dass der Fischersmann das Gerät im Schuppen verstaute und im Pub ziemlich allen, die es nicht hören wollten, brühwarm von der Geschichte berichtete. Eines Nachts allerdings fand der Gute den Schuppen dann aufgebrochen vor – die Marine hatte sich ihr Eigentum kurzerhand zurückgeholt, und aus stummem Protest gegen diese Willkür ziert seitdem eine Nachbildung das Werksgelände. Was von dieser wüsten Erzählung fact und fiction ist, vermag natürlich auch Frazer nicht zu sagen – wir sind’s zufrieden, kämpfen uns gegen immer wieder gerne peitschenden Regen zur Bushaltestelle und rasen bald Port Ellen entgegen. Good night, Islay. Schalten Sie auch morgen wieder ein, wenn wir als Lord of the Isles unser Land in Besitz nehmen!

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