Die Fahrschule des gediegenen Stils: wir steigen ein bei Thundermother, Cobra Spell und Vulvarine
/29.03.2025 Backstage München
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Maximum Roggenroll, maximum Girl Power! Die schwedischen Hardrockerinnen von Thundermother stehen für beste Qualität – und wenn noch zwei weitere (beinahe) all female Formationen gleicher Couleur im Paket sind, dann dürfen wir natürlich nicht fehlen. Abfahrt!
Zwischenmenschlich muss es schon auch passen, gerade bei einer Kombo, die die Bühnen derart beackert wie Thundermother. Bei unserem letzten Zusammentreffen, das noch im beschaulichen Club stattfand, wurde durchaus deutlich, dass der Haussegen schief hing: die Bühnenatmosphäre wirkte irgendwie leicht angespannt. Wir täuschten uns nicht, immerhin feuerte Gründerin und Chefin Filippa Nässil vor zwei Jahren schließlich kurzerhand Sängerin Guernica Mancini, die ihrerseits in diversen Interviews bekundete, dass das Betriebsklima alles andere als angenehm gewesen sei. Mit weiteren, aus Solidarität ebenfalls hinschmeißenden ehemaligen Donnermüttern formte Frau Mancini die neue Kreation The Gems, während sich Frau Nässil eine komplett runderneuerte Mann/Frauschaft an die Seite holte und in dieser Besetzung die aktuelle Scheibe „Dirty & Divine“ einzimmerte. Irgendwas scheint die Dame damit richtig zu machen: immerhin finden wir uns heute nicht etwa in der Halle, sondern gleichen im großen Werk ein, das zwar nicht aus allen Nähten platzt, aber in jedem Falle durchaus respektabel gefüllt ist. Liegt es vielleicht daran, dass sogar in diversen Fußball-Tempeln wie an der legendären Heimstatt der roten Teufel, dem heiligen Betze, als Beschallung auch der Kracher „Driving in Style“ zum Einsatz kommt?
Das lassen wir offen und bestaunen zunächst einmal die Wiener Gesandtschaft: die Damen von Vulvarine (angelehnt an Wolverine, schon klar, und wer in Bio nicht aufgepasst hat, schaut bitte selbst nach was das heißen soll) steigen mit „Drugs, Love, Pain“, gefolgt von „Demons“ ansatzlos ein. Die Formation um Shouterin Suzy Q. kredenzt eine wilde Mischung aus Punk, Hardrock und Metal, die inspiriert von der Riot Grrl Bewegung der 90er, die eine Prise Feminismus in den Punk brachte, energetisch und mit Freude am Handwerk zur Sache kommt. Auch optisch stehen die Zeichen auf dieser Mischung, die schon das Aushängeschild der NWOBHM in ihren Anfangstagen prägte: mit Spandex, Nietengürteln und Bikerstiefeln sieht das Ganze aus wie auf dem Maiden-Debüt, und der selige Paul di’Anno hätte hier sicherlich seine Hose zurückverlangt, falls er es noch hätte miterleben dürfen. Erdig, groovig und treibend geht es durchs Gebälk, die Gitarrenfraktion mit Sandy Dee (Wiener Namen sind schon international geworden…) zaubert gerne auch mal zweistimmige Läufe (man scheint wirklich gerne die erste Maiden-Platte zu hören), und mit einem ska-punkigen Cover der wunderen Plastiktanne „Cherie Cherie Lady“ des Herrn Boooohlen („mal sehen, ob ihr kennt“, fragt uns Frau Q. launig) zeigen sie auch, dass sie Humor haben. So einen Schmäh loben wir uns doch! Schlagwerkerin Bea Heartbeat (aus der österreichischen Dynastie der Herzschlags) geht offenbar zum gleichen Coiffeur wie Alissa (blaue Farbe war noch vorrätig), Suzy wirft sich furchtlos in den Fotograben und schüttelt Hände, bevor dann nach „Heads Held High“ ein weiteres Cover folgt und nach Ufos „Rock Bottom“ und 30 furiosen Minuten das Fest vorbei ist.
Jetzt läuft alles nach dem Motto selbst ist die Frau: während unsere freundlichen Wienerinnen selbst abbauen (inklusive der Neonröhren, die ein schmuckes „V“ gebildet haben), mischen die Vertreterinnen der nun kommenden Attraktion ebenfalls selbst tatkräftig beim Herbeischleppen der Ausrüstung mit. So geht das recht schnell, so dass nach kurzer Zeit die zweite Kombo des Abends auf dem Plane und der Bühne steht: auch bei Cobra Spell aus Holland heißt es klar Frauen an die Macht, mit dem Doppelschlag „The Devil Inside Of Me“ und „Satan is a Woman“ (sagen die, nicht wir!) steigen die Damen machtvoll ins Set ein. Irgendwo zwischen Glam, Sleaze und Dampfhammer agieren sie, Saitenbiegerin und Bandgründerin Sonia „Anubis“ Nussfelder agiert im schicken Airobic-Schnalzdress, der elegant über die Hose gezogen ist, während Shouterin Kris Vega mit pinkroter Mähne extrem agil umherwirbelt. Stimmlich könnte man das Ganze als Ronnie James Halford bezeichnen, in der Schnittmenge zwischen Dio und Priest angesiedelt, was bestens zum druckvollen Abfahrtslauf der Soundfraktion passt. Nachdem die Zweitguitarristin Noelle dos Anjos (im Unterschied zum Donnermutter-Donnerschlag) die Band freundschaftlich verließ, greift heute ein nicht näher benannter Kollege als einziger männlicher Vertreter in die Saiten, der mit schmuckem Lederharnisch einen ordentlichen Derek Smalls (den Tieftöner aus Spinal Tap) abgibt. Weiter im Text geht’s mit „S.E.X.“, „Love Crime“ und „Poison Bite“, als uns Frau Vega nun auffordert, uns hinzuknien – das sieht von oben betrachtet spaßig aus, man hüpft zu „Warrior From Hell“ ordentlich in die Höhe, die Dame selbst turnt gerne mit. Ein mächtiges „Addicted to the Night“ beendet das Set, wir sind durchaus entzückt und winken gerne nochmal, als die Damen auch wieder selbst abbauen.
Jetzt wird die Bühne doch um einiges vergrößert, der Hauptact nutzt die ganze Dimension aus, anders als letztes Mal im Club kleben keine Pappdeckel-Blitze an den Boxen, das Schlagzeug steht erhöht vor einem eindrucksvollen Backdrop: so richten wir uns denn auf die Fahrstunde ein, die wir mit Thundermother jetzt zu verbringen gedenken. Mit dem eher groovig-swingenden „Can You Feel It“ erwischen die Damen einen standesgemäßen Start, Linnéa Vikström wirbelt am Mikro ordentlich über die Bretter, und Tieftönerin Majsan Lindberg zeigt sich nicht nur technisch versiert, sondern auch durchaus offenherzig. Mit „Loud and Free“ geht es fröhlich weiter, Geschäftsführerin Nässil zeigt sich gut aufgelet – die Runderneuerung hat sich gelohnt, die Atmosphäre passt und der Funke springt dementsprechend über. Nach dem etwas schwächeren „The Road is Ours“ folgen dann mit „So Close“ und dem herausragenden melodischen „Bright Eyes“ (nicht das aus dem Hasenzeichentrickfilm, nein, das ist hier ist was eigenes) zwei Nummern, die zeigen, wie sich Thundermother die AC/DC-Riff-Basis in einer ganz eigenen Interpretation zu eigen machen, quasi Aussie Pub Rock mit etwas mehr Melodie. Nach dem durchaus speedigen „Take the Power“ schnappt sich dann Frau Vikström selbst eine Klampfe und kündigt eine Nummer vom neuen Album „Dirty & Divine“ an: „In this video, we were playing vampires!“, berichtet sie uns frohgemut und steigt dann in „Dead or alive“ ein. Nach dem groovigen „I don’t know you“, zu dem wir dann mitsingen sollen und das auch gerne tun, nimmt die Chefin höchstselbst auf einem Hocker Platz, was nur darauf verweisen kann, dass man nun zum beschaulichen Teil übergeht: bewehrt mit einer akustischen Sportguitarre, prüft die gute Filippa zuerst einmal das Getränkeangebot - das aus dem uns bestens bekannten nur so korrekt bezeichneten Landbier besteht - und liest launig vor: „Lagerbier Hell. Beer from Hell! In Swedish, we say skol!“.
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Nachdem wir informiert wurden, dass die Chefin mittlerweile auch im eigentlichen Wortsinne eine Donnermutter ist (der Sprössling scheint sogar mit dabei zu sein, löblicherweise allerdings bereits Bettruhe zu halten) stimmt Mama Filippa (im Übrigen mit aufgenähtem Blitz auf der Jeanshose, zumindest hier alles beim Alten) gut gelaunt das getragene und durchaus melancholische „I can’t sleep“ an – eine wunderhübsche Ballade, die es bei Agnus, Airbourne & Co. sicherlich in der Form nicht gegeben hätte („Ride on“ von Dirty Deeds zählen wir jetzt mal nicht als Ballade im engeren Sinne). „Dog From Hell“ schwingt dann wieder die Groove-Keule, die Menge wärmt immer mehr auf, der ein oder andere entledigt sich seines Leibchens, erste Andeutungen des neuen Fahrschülers Movement werden erkennbar. Nun berichtet die Geschäftsführerin von einem weiteren neuen Song, „I’m goona be Ace Frehley on this one“ – wir fragen uns kurz, was das bedeutet, als sich die Dame wie schon der Kiss-Saitenheld in ganz seltenen Fällen selbst das Mikro schnappt und sehr beachtlich die ersten Zeilen von „Can’t put out the Fire“ intoniert, wobei der Song schließlich zu einem Singalong mutiert, in dem sich alle Streiterinnen mal stimmtechnisch beweisen dürfen. Jetzt biegen wir auf die Zielgerade ein, wir absolvieren quasi schon mal die theoretische Fahrprüfung, „Would you like an old one?“ beantworten wir mit ja, zumal sich Filippa nun eine braune Gibson SG umschnallt, die optisch eben dann doch auf die Hardrock-Urväter um den just 70 gewordenen Herrn Jung verweist: „Whatever“ rockt und wummert standesgemäß, und beim folgenden „Shoot to Kill“ (nicht thrill, uffbasse!) schalten die Damen dann auch noch den kollektiven Haarrotor ein. Frau Vikström übt sich nun in Fannähe, marschiert (währen die Instrumentalfraktion den „Crazy Train“ anspielt) Hände abklatschend durch den Fotograben und ist dann kurzzeitig verschwunden – um ziemlich mitten im Getümmel wieder aufzutauchen, wo sie mit den Schlachtenbummlern anstößt, Selfies macht und mit „Don’t Believe a Word“ von Thin Lizzy dem Cover-Reigen des Abends eine Nummer hinzufügt. Zu „Try with Love“ beginnt dann relativ unvermittelt die heutige Dienstzeit des Herrn Movement: ein paar launige Gesellen lassen Hemdchen und Hemmungen fahren und bilden einen veritablen Moshpit. Zur groovigen Bandhymne „Thunderous“, die dann doch astrein nach Rhythmus à la Malcolm Y. klingt, wächst sich der Pit formidabel aus, weshalb auch keiner glaubt, dass damit wirklich Schluss ist. Keinesfalls, zum teuflischen „Hellevator“ kehren sie nochmal wieder und setzen mit „Speaking of the Devil“ noch einen drauf. Fahrinstrukteurin Filippa lädt nun endgültig zur praktischen Leistungsüberprüfung, wir steigen fröhlich und ein und erwerben mit dem begeistert abgefeierten „Driving in Style“ endgültig die kollektive Erlaubnis zum stilsicheren Fahren. Die nutzen wir gleich auf dem Heimweg, wo wir beschwingt feststellen, dass das mal wieder ein vollumfänglich entzückendes Gesamtpaket war. Und jetzt, einmal muss das sein: Donnerwetter und Donnerlüttchen!