Das letzte Bier: wir sprechen mit Sabaton über deutsche Fans, Metal-Historiker - und erfahren, dass Joakim Broden nur eine Kunstfigur ist

Auf dem Hineinweg passieren wir zwei Grauwölfe in voller Kriegsbemalung, Attila Dorn singt sich ein, und auf dem Weg zur Toilette rennt mich dann der bleichgesichtige Schlagwerker Roel van Helden beinahe über den Haufen – ja, wir scheinen richtig zu sein im Backstage-Bereich des Rock the King. Kurz die Treppe rauf, dann begrüßt uns ein freundlicher und sehr gesprächiger Pär Sundström - Basser und Chef von Sabaton - zum Plausch. Wir sprechen erst kurz über das bis gestern noch fürchterliche Wetter und steigen dann gleich ein in alles, was wir das Tarnhosenkommando schon immer fragen wollten…

Holgi: Hi Pär, danke, dass Du Dir ein bisschen Zeit für uns nimmst! Ihr habt ja oft durchgängige Themen bei Euren Alben, z.B. Sun Tzu bei „The Art Of War“ oder König Karl bei „Carolus Rex“ – gibt es auch bei „The Last Stand“ einen roten Faden?

Pär: Ja, das ist uns jedes Mal wichtig, dass es ein gemeinsames Thema gibt. Auf der Suche nach dem Nachfolger zu „Heroes“ kamen wir irgendwann auf die Idee von letzten großen historischen Gefechten, zum Beispiel die Schlacht bei den Thermopylen im alten Griechenland oder auch die der Samurai – das waren die ersten Songkonzepte für „The Last Stand“. Viele der Stücke könnten auch auf „Heroes“ stehen und sind eher lose verbunden, aber es gibt das durchgängige Thema. Wir haben uns dieses Mal allerdings nicht auf einzelne Zeiten oder Schauplätze beschränkt, sondern haben Geschichten aus allen Ländern und Epochen dabei – darunter auch ein paar weniger bekannte Gefechte.

Holgi: Wart ihr bei „Sparta“ vom Comic oder Film „300“ inspiriert? Bei der Live-Darbietung laufen jeweils Szenen auf den Leinwänden ab.

Pär: Ja, immerhin ist der Film „300“ einer der größten Adrenalin-Räusche, die seit langem im Kino zu sehen waren. Ich finde den Film sehr gut, er ist sicherlich nicht historisch genau, aber eine sehr coole Version von historischen Tatsachen – das ist ein wenig wie bei Sabaton: wir nehmen die geschichtlichen Ereignisse als Basis und bauen unsere eigene Fassung daraus. Du nimmst die Geschichte, kleidest sie in ein Heavy-Metal-Gewand und präsentierst sie dann – ich meine, das ist ein legitimer Weg, die Geschichte attraktiver zu machen, solange Du sie nicht komplett verdrehst oder verfälschst. So machen wir das immer.

Holgi: Die Texte basieren immer auf historischen Ereignissen und sind gut recherchiert – wer kümmert sich um die Texte?

Pär: Ich selbst und Joakim (Broden) schreiben alle Texte, also erledigen wir auch die Forschungsarbeit. Wir suchen uns immer Themen aus, die grundsätzlich interessant sein könnten, aber lesen dann erst einmal noch nicht allzu viel nach, nur einige Grundzüge. Dann überlegen wir, welche Art von Musik wir für dieses Thema brauchen – und wenn wir eine Musikidee haben, die zu dem Konzept passt, dann fangen wir an, auch ins Detail zu gehen und nachzulesen. Immerhin möchte ich nicht erst sechs Monate ein Ereignis studieren, nur um festzustellen, dass ich dann irgendwann die Lust daran verliere, weil  wir keine musikalische Entsprechung haben. Das ist unsere Herangehensweise: immer mit Leidenschaft.

Holgi: Die Texte sind zweifelsohne immer sehr ernsthaft, es geht um Schlachten und Kriege, während Eure Shows sehr energiegeladen und auch ziemlich lustig sind. Das wird bisweilen als unpassend empfunden…

Pär: Das sehen wir nicht so, alles andere wäre doch unaufrichtig! Wir sind eine lustige Band, wir haben Spaß auf der Bühne, wir lieben unsere Musik – wenn wir auf der Bühne stehen und heulen, dann wäre das nicht echt. Ich denke auch, es ist falsch zu sagen, man darf diese Themen nur ernsthaft darbieten – Du musst sie aufrichtig darbieten. Natürlich werden wir immer wieder Leute vor den Kopf stoßen mit unseren Themen, aber noch mehr Leute machen wir neugierig auf diese Sachen, und das wäre nicht möglich, wenn wir nicht attraktiv für die Leute auftreten, wenn wir nicht ehrlich und wir selbst sind. Manche Leute kümmern sich nicht um unsere Texte, sondern kommen nur wegen der Musik, andere hören auch auf die Texte – das geht für mich beides in Ordnung. Wer hat denn überhaupt die Autorität zu entscheiden,  dass man eine ernsthafte Sache nicht auch lustig darstellen darf? Es ist das gute Recht der Leute, auch ernsthafte Dinge mit einem Augenzwinkern anzusehen – sonst werden die Dinge zu erschreckend.

Holgi: Die deutschen Fans singen bei Euren Konzerten permanent „Noch ein Bier“, wozu Joakim dann ein Bier zu sich nehmen muss – kennt Ihr das auch aus anderen Ländern?

Pär: Ja ja [lacht], noch ein Bier, das ist ein wenig eskaliert, die Leute singen das ja schon Stunden bevor wir überhaupt auftreten. Das konnten wir irgendwann nicht mehr kontrollieren – wenn die Leute „Noch ein Bier“ rufen wollen, dann sollen sie das tun, wir spielen einfach mit. Ich weiß, dass viele Leute denken kommt schon, spielt lieber einen Song als dieses „Noch ein Bier“-Zeug, aber andererseits sind wir ja da, um Spaß zu haben, und das ist eben Teil des Spaßes – nicht das Biertrinken, sondern eben die gute Stimmung. Das ist Metal! Wenn ich mich entscheiden müsste, ob ich lieber Historiker oder Metal-Musiker bin, dann lieber Metal…und in anderen Ländern läuft es ja ähnlich ab. In Polen ist es fast das Gleiche, die rufen nur nicht „Noch ein Bier“, sondern das gleiche auf Polnisch…in anderen Ländern rufen die Leute andere Dinge, je nach dem, wo wir sind. In Brasilien, wo wir sehr populär sind, rufen die Leute „smoking snakes, smoking snakes!“ anstelle „Sabaton“, in Ungarn rufen die Leute auch nicht „Sabaton“, sondern „Halinka! Halinka!“ – und es ist egal: wenn die Leute das tun, heißt es, dass sie Spaß haben, und den haben wir dann auch. Natürlich ist das Spielchen mit „Noch ein Bier!“ für Joakim am gefährlichsten…

Holgi: Du hast die Band 1999 zusammen mit Joakim gegründet – wie hat sich die Band über die Jahre verändert, vor allem seit 2012, als Oscar Montelius, Rikard Sundén und Daniel Mullback Euch verließen? [um „Civil War“ ins Leben zu rufen,,,]

Pär: Ja, die de facto-Auflösung der Band 2012 war ein großer Einschnitt in unserem Leben. Nach dreizehn gemeinsamen Jahren gingen wir plötzlich getrennte Wege, mitten in den Aufnahmen zu „Carolus Rex“. Joakim und ich haben die Aufnahmen dann alleine zu Ende gebracht, das war natürlich sehr stressig. Als die Aufnahmen beendet waren, sagten wir, ok wir machen das Album fertig und schauen, ob wir dann eine Band haben oder ob wir einfach das Album veröffentlichen und das wars dann. Wir hatten damals kaum Ermunterung, weiterzumachen – ich wollte das unbedingt, Joakim war ein wenig unsicher. Nach dem Ende der Aufnahmen nahm er sich ein paar Tage frei, in denen er nicht zu erreichen war. Ich nutzte die Zeit, um eine Band zusammenzustellen, und als wir auf Tour gingen, hatten wir auf einmal die alte Spielfreude und Energie zurück. Sabaton ist so auch zu einer viel effizienteren Band geworden – nicht mehr eine langsame Basisdemokratie, in der jeder sagen kann, das gefällt mir aber nicht. Früher mussten wir alles ewig ausdiskutieren und Meetings abhalten, heute sind die Rollen klar: Joakim ist der Haupt-Songschreiber der Band, ich bin der Manager. Wir sind seitdem viel schneller und zielgerichteter geworden: jeder ist zu hundert Prozent an Bord.

Holgi: Tommy Johansson ist der jüngate Neuzugang, wie hat er sich eingefügt?

Pär: Tommy war 2012 schon unsere erste Wahl - Tommy war der erste, den ich anrief. Wir haben uns auch getroffen, aber er hatte damals so viele Ideen für seine eigenen Projekte, dass er sich lieber auf diese Sachen konzentieren wollte. Aber seine Band lief nicht so gut, wie er sich das vorstellte – also rief ich ihn wieder an, als wir letztes Jahr eine Stelle zu besetzen hatten. Dieses Mal war er frei, hatte nichts zu tun und gelangweilt – unser Glück! Wir haben ihn sofort eingeladen, uns auf unserer Tour zu begleiten, und nach ein paar Tagen war klar, dass er sich wohlfühlt. Wir wussten, dass wir mit ihm nicht proben müssen, er ist ein großer Sabaton-Fan und kennt alle Songs – er stand einfach am Bühnenrand und spielte die Stücke mit Kopfhörern mit. Bei unserem Festival in Farland war es dann soweit, er stieg bei uns ein, und es war sofort fantastisch. Natürlich vermisse ich Thobbe [Englund, Gitarrist bis 2016], auf der Bühne und im Tourbus, er ist so ein klasse Typ, aber wir leben in der gleichen Stadt und sehen uns fast jeden Tag.      

Holgi: Viele Bands promoten mittlerweile allerlei Produkte, allen voran Getränke – es gibt AC/DC-Wein, Motörhead- und Grave Digger-Whisky und Iron Maiden-Bier – wäre das auch etwas für Euch?  

Pär: Wir haben ein eigenes Bier! Aber damit gibt es ein kleines Problem. Vor einiger Zeit hielten wir das „Noch ein Bier“-Festival in Deutschland ab, mit einem Bier-Tasting, bei dem wir zusammen mit dem deutschen Fanclub ein Sabaton-Bier entwickeln wollten – immerhin sollte es auch für die Fans sein und nicht nur für uns. Das klappte alles ganz gut, wir legten uns fest, und dann wurde es kompliziert. Als Namen wollte ich „Noch ein Bier“, das wäre definitiv der beste Name. Es dauerte zwei Jahre, bis wir dafür das Copyright hatten – immerhin ist es ein sehr ungewöhnlicher Name für ein Bier, und viele dachten, das sei verwirrend und könne nicht genehmigt werden. Nach zwei Jahren klappte es doch, aber dann war für die Brauerei der Zug schon durchgefahren, das Momentum war einfach nicht mehr da. Und dann kam das nächste Problem in Schweden: dort darf man niemand dazu auffordern, Alkohol zu trinken. Daher wurde der Name in Schweden nicht genehmigt, was mich ziemlich geärgert hat. Aber dann hatte ich die Idee: nennen wir es doch einfach „The Last Beer!“, immerhin ist das eine Aufforderung, mit dem Trinken aufzuhören. Das ging tatsächlich durch, aber dann gingen die Probleme weiter: in Schweden darf man keinerlei Waffen oder Personen auf dem Label zeigen. Also was sollten wir denn überhaupt abbilden? Es gelang mir schließlich, die Leute davon zu überzeugen, dass unser Sänger Joakim mit seiner Spiegelsonnenbrille, dem lustigen Wams und der albernen Frisur doch gar keine reale Person, sondern ein fiktiver Charakter ist. Und so haben wir es dann hinbekommen! Das Bier schmeckt sehr gut, wir sind sehr stolz darauf, aber es wird in einer sehr kleinen schwedischen Brauerei hergestellt – wenn Du es probieren willst, musst Du nach Schweden kommen! Aber wir haben vor, die Produktion breiter aufzustellen und vielleicht sogar in Deutschland anzusiedeln. Es schmeckt ohnehin ein wenig wie ein deutsches Pils.

Holgi: Stimmt es, dass Joakim einmal 150 Kilometer zu einem Festival laufen musste, weil er eine Wette verloren hat?

Pär: Aber er hat ja geschummelt [offenbar machte Herr Broden immer wieder Station]…das wäre zu weit gewesen. Wetten ist eine große Sache in der Band, wir wetten immer wieder gerne, die verrücktesten Sachen kann ich Dir nicht erzählen…das kommt später irgendwann raus…

Holgi: Kommen wir noch zu den Festivals, ihr habt ein Sabaton-Open-Air und sogar eine Kreuzfahrt…

Pär: Ja, das Sabaton Open Air gibt es schon 10 Jahre, was ich mir am Anfang niemals hätte vorstellen können. Das Festival begann als kleiner Ein-Tages-Event in der Halle, das war die Release-Party für „The Art Of War“, es spielten nur kleinere schwedische Bands und eine deutsche Kombo. Das machte großen Spaß, so dass ich es im folgenden Jahr als Open Air organisierte, mit zwei Bühnen und mehr Bands, aber immer noch als Tagesevent. Das Wetter war fürchterlich, es gab kaum Helfer, Joakim und ich mussten alles alleine machen – es war so kalt, dass die Nebelkanonen nicht Nebel, sondern Schnee spuckten! Weil es so kalt war, gingen die Leute auch sofort nach unserem Auftritt nach Hause, also mussten wir die Bühne alleine abbauen, alles aufräumen – heute arbeiten 350 Leute zwei Wochen lang für unser Festival! Die Fanclubs aus aller Welt kommen und übernehmen dabei Aufgaben, worauf ich wirklich stolz bin: der deutsche Club kümmert sich um die Absperrungen, der polnische baut die Bühne, der schwedische stellt die Security – alle arbeiten zusammen….

Pär hätte sich gerne noch weiter mit uns unterhalten, aber an dieser Stelle steht leider schon der nächste Mikrofonschwinger vor der Türe, der sich als Vertreter einer sattsam bekannten, hammerhaften Metal-Postille herausstellt…insofern machen wir noch ein paar kühle Bilder und entschwinden nach draußen, gerade rechtzeitig zum Gig von Powerwolf…

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