Wilde Hühner, Kraftmetall und Spannung allenthalben: Serious Black, Sinbreed und Hammerschmitt im Backstage

05.10.2016
Backstage München
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Wenn eine All Star Kombo, bestehend aus glänzenden Namen der teutonischen Metal-Szene, ruft, dann folgen wir natürlich allzu gerne. Dass wir dabei allerdings auch noch entzückte Weiblichkeit, Neubesetzungen und  zwischenmenschliche Differenzen erleben würden, das war selbst für uns alte Fahrensmänner überraschend.

Serious Black – auf dem Papier klingt das wie ein who is who der deutschen Kraftmetall-Szenerie. Ex-Helloween-Saitenhexer Roland Grapow, der ehemalige Blind-Guardian-Fellverdrescher Thomen Stauch, das kann ja nur vielversprechend sein, und die zwei Alben der Herrschaften („As Daylight Breaks“ und „Mirrorworld“) wissen auch durchaus zu gefallen. So pilgern wir gerne zum Austragungsort, wo allerdings an diesem Abend auch ein launiger Country/Rock-Musiker auftritt und für einen lustigen Publikumskontrast sorgt. Sei’s drum, wir entern die Halle und stellen fest, dass die hintere Hälfte mit einem Tarnnetz abgedeckt ist, hinter dem sich schüchterne Zuschauer offenkundig verstecken können. Wir tun dies nicht, sondern marschieren flugs in die erste Reihe, wo der Reigen denn auch Schlag 8 pünktlich seinen Anfang nimmt.

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Die Lokalhelden von Hammerschmitt können sich dabei über eine durchaus großzügige Bühnenpräsenz inkl. Lightshow und Backdrop freuen und legen nach einem „God Gave Rock’n’Roll To You“-Intro mit „Still On Fire“ und „Mean Streak“ vergnügt los. Die durchaus akzeptable Publikumsschar goutiert das famos, zumal die Hammerschmiede ihren kompletten Fanclub mitgebracht zu haben scheinen, der nicht zuletzt aus der mehr als ansehnlichen jungen Weiblichkeit zu bestehen scheint. Die ist zunehmend enthusiasmiert, während die Herren um Fronter Ben, der uns in astreinen Manowar-Posen die Fäuste entgegenreckt, mit viel Spielfreude, Begeisterung und Brezn/Weißwurst-Punisher-T-Shirt durch ihr Set aus traditionellem deutschen Metal ballern. Basser Armin, der jederzeit die Wetten-Dass?-Moderation übernehmen könnte, erklärt jetzt, die folgenden Sinbreed hätten den Schmieden für ihr Heimspiel zehn Minuten ihrer Spielzeit überlassen, wodurch wir doch tatsächlich in den Genuss zweier Extra-Songs kommen. Beim Cranberries-Cover „Zombie“ geht’s derartig zur Sache, dass Glam-Metal-Experte Sebbo orakelt: „Gleich fliegen die BH’s hoch!“ Wir haben unsere heute leider gerade nicht zur Hand, so dass wir nach 40 Minuten und der letzten Nummer „Metalheadz“ konstatieren: musikalisch sicherlich nicht letzte Raffinesse, aber Energie, ansteckender Enthusiasmus und offenbar auch Sexappeal.

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Was auch in der Publikumszusammensetzung zu spüren ist, denn als kurz danach Sinbreed die Bretter entern, sind die Mädels irgendwie weitgehend verschwunden und hängen offenbar am Merchandise-Stand mit Ben und seinen Kumpels ab, die sich danach locker ins Publikum mischen. Wir sind einstweilen auf die Power-Metal-Kombo aus Wiesbaden gespannt, die ja ebenso wie Serious Black aus Szenegrößen besteht: Herbie Langhans (Seventh Avenue) am Mikro und Blind Guardian-Saitenbieger Marcus Siepen bürgen für Qualität, so möchte man meinen. Allerdings ist Siepen seit 2015 aus Termingründen nicht mehr an Bord, und nachdem Shouter Herbie zeitgleich mit Avantasia unterwegs ist, muss Bandgründer Flo Laurin seinen Tross heute mit einem Gastvokalisten an den Start schicken.

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Der hört auf den Namen Nick Holleman, ist eigentlich bei Vicious Rumors zu Hause und macht seine Sache ganz formidabel: Sinbreed brettern ihren High Speed Power Metal forsch unters Volk, die Instrumentalfraktion macht dabei optisch einen auf Wickie und die starken Männer, während Gesangslehrer Sebbo hinsichtlich Herrn Holleman treffend feststellt: „Das ist doch der Sohn von Kai Hansen!“ Mit spaßigem Deutsch („vielen Dankeschön“, „Weißenwurst“) und vor allem einem kräftigen Organ turnt der drahtige Kai jr. durchs Set, das mit „Call To Arms“, „Moonlit Night“ und „When Worlds Collide“ blitzsaubere Beispiele für teutonischen Kraftmetall am Start hat. „Das gefällt dem Sebbes gut!“, stellt selbiger begeistert fest, während hinter uns ein Kollege mit beachtlichem Haarschopf den Dauerrotor einschaltet. Der Titeltrack vom aktuellen Langeisen „Master Creator“ läuft ebenso gut rein wie „On The Run“ und das abschließende „Newborn Tomorrow“. Reife Leistung, meine Herren.

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Serious Black haben ihre Backdrops offenbar von Avantasia geliehen, aber das macht ja nichts, denn die Fantasy-Welt passt bestens zu den schnellen Riffs und Keyboard-Attacken, zu denen die Hauptakteure mit „Older And Wiser“ und „Castor Skies“ in den Reigen bunter Melodien einsteigen. Das Ganze klingt dabei anfangs seltsamerweise gar nicht tight und schmissig – wir wundern uns doch ein wenig. Neben Shouter Urban Breed und Gitarrero Dominik Sebastian suchen wir allerdings vergeblich nach Herrn Grapow – der lässt sich bei Live-Ansetzungen nämlich vom Firewind-Virtuosen Bob Katsionis vertreten, der seine Sache ebenso überzeugend erledigt wie Gastshouter Nick bei Sinbreed (wobei doch eigentlich folgerichtiger wäre, dass Herr Urban bei Sinbreed singt – schon allein wegen des Namens? Nur ein Vorschlag). Weiter im Text geht’s dann mit „Heartbroken Soul“ und „I Seek No Other Life“, wobei auch Keyboarder Jan Vacik zeitweise die Sangesdienste übernimmt und einen überzeugenden Ville Vallo gibt. Zwischen Basser Mario Lochert (immerhin Mitbegründer der Kombo) und Herrn Urban scheint es allerdings etwas zu haken heute – entweder hat sich jemand über die Hose des Sängers mokiert (böse Zungen würden behaupten, die sei aus Plastikfolie), er ist mit der Zentralbankpolitik nicht einverstanden oder fordert eine gesamteuropäische Lösung für diverse Themen: „If it looks like I am pissed, I am!“, stellt der Schwede fest, der zu Deutsch auf irgendetwas stinkesauer ist. Nach einer Phase der Herumkasperei mit Ausdruckstanz und Veralberung des armen Griechen (der kann doch auch nichts für die Schuldenkrise, Urban!) hellt sich die Stimmung aber zusehends auf, und mitgerissen von den durchaus begeisterten Publikumsreaktionen zieht sich Herr Urban am eigenen Mohikaner-Schopf zusehends aus dem Stimmungstief.

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Und siehe da, auf einmal klingt die Chose wie eine andere Kombo: „Mirrorworld“, „Trail Of Murder“ und „This Machine Is Broken“ („der sagt, die Waschmaschine ist kaputt!“, analysiert der Leiter des Kundendienstes Sebbes) knallen (komplett mit eingestreutem „Heaven And Hell“-Riff) endlich so ordentlich ins Kontor, wie wir das erwartet hatten. Auch die holde Weiblichkeit scheint wieder am Rande des Wahnsinns, eine Holde sucht ein verlorenes Plektrum vehement in der Kleidung meines Mitstreiters, und eine mit Verlaub doch etwas ältere Dame marschiert ganz nach vorne, macht mit wie beim Tanztee und erfreut sich daran, Herrn Lochert permanent an der Hose zu ziehen. Unfassbar!

„Das Lied mögen wir übrigens“, informiert mich mein Kollege zu „The Life That You Want“ – Recht hat er, jetzt zieht die Angelegenheit die Wurst vom Brot. So muss das sein! Nach „As Long As I’m Alive“, zu dem die Herrschaften Breed und Lochert ganz explizit wieder ein Herz und eine Seele sind, ist erst einmal Schluss. Wir sind kurz erstaunt, wie stark die Qualität im Laufe des Sets agezogen hat, und verzeichnen die (von der mittlerweile völlig derangierten Seniorin in Reihe 1 vehement geforderte) Zugabe „Akhenaton“ als wunderbare Dreingabe im Kamelot-Stil. In die Kerbe schlägt schließlich auch noch „High And Low“, nach dem sich die Herrschaften endgültig verabschieden. Welch eine Achterbahnfahrt – emotionales und musikalisches Wellenreiten war geboten, und tanzende Östrogene obendrein. Die Wucht in Tüten, und das an einem Mittwoch… Herrlich...